Bullmastiff: der sanfte Riese, den viele unterschätzen
Stellen Sie sich vor, ein Hund bringt 55 Kilo auf die Waage, liegt aber lieber auf dem Sofa, als den Garten zu bewachen. Genau das ist die Erfahrung, die viele Bullmastiff-Halter machen – und genau deshalb tauchen bei mir in den letzten Monaten immer wieder zwei Fragen auf: Ist der Bullmastiff ein Familienhund? Und kann man ihn überhaupt noch kaufen, ohne in Probleme mit dem Gesetz oder mit der Gesundheit des Tieres zu laufen?
Ich beschäftige mich seit einigen Jahren mit Molossern und habe in dieser Zeit mehrere Bullmastiffs aus nächster Nähe erlebt – zwei davon in befreundeten Familien mit kleinen Kindern. Was ich dabei gelernt habe, weicht deutlich von dem ab, was man in vielen Kurzporträts liest.
Wichtige Erkenntnisse
- Der Bullmastiff gilt als kinderlieb und familientauglich, ist aber kein Anfängerhund.
- Ausgewachsene Rüden erreichen 64–69 cm und 50–59 kg, Hündinnen 61–66 cm bei 41–50 kg.
- In einigen Bundesländern wird er als Listenhund geführt – das variiert je nach Land.
- Die Lebenserwartung liegt bei 7–9 Jahren, gelegentlich bis 12.
- Ein Bullmastiff ist ein Hund für erfahrene Halter mit Zeit, Platz und Budget.
Ist der Bullmastiff ein Familienhund?
Kurze Antwort: Ja, in vielen Fällen schon – aber mit Bedingungen, die man nicht wegdiskutieren kann. Der Bullmastiff gilt als treu und kinderlieb, und in der Bewertung seiner Kinderfreundlichkeit schneidet er deutlich über dem Durchschnitt ab. In einem gängigen Rasseprofil wird diese Eigenschaft mit der zweithöchsten Stufe bewertet.
Ich erinnere mich an einen Nachmittag bei einer Familie im Sauerland. Der Rüde – knapp 60 Kilo, sechs Jahre alt – lag im Flur, als die achtjährige Tochter mit zwei Freundinnen ins Haus stürmte. Kein Knurren, kein Aufspringen. Er hob kurz den Kopf und schlief weiter. Solche Szenen kennt jeder, der länger mit dieser Rasse zu tun hat.
Was ein Familienhund wirklich bedeutet
„Familienhund" heißt nicht „pflegeleichtes Kuscheltier". Ein Bullmastiff ist ein kraftvoller Hund, der sich seiner eigenen Größe oft nicht bewusst ist. Er kann im Spiel umrennen. Er wedelt nicht – er schlägt. Und wenn ein 50-Kilo-Hund schwanzwedelnd an einem vierjährigen Kind vorbeizieht, reicht das manchmal, um es umzustoßen.
Was daraus folgt, ist keine Warnung, sondern eine Aufgabe:
- Sozialisierung ab der achten Lebenswoche, konsequent und mit vielen verschiedenen Menschen.
- Kinder dürfen lernen, den Hund nicht beim Fressen oder Schlafen zu stören.
- Die Kraft des Hundes wird trainiert, nicht bestaunt: Leinenführigkeit ist Pflicht, nicht Kür.
- Aufsicht bei jedem Kontakt zwischen Kleinkindern und Hund – unabhängig von der Rasse.
Wer diese Punkte ernst nimmt, bekommt einen ruhigen, gelassenen Begleiter. Wer sie ignoriert, bekommt einen Hund, der stärker ist als der stärkste Erwachsene im Raum.
Eignet er sich für Familien mit Kleinkindern?
Ja, allerdings nur mit klarer Struktur. Der Bullmastiff ist geduldig, aber er ist kein Hund, der Grobheit wegsteckt. Ich kenne einen Fall, in dem ein Junge dem Hund regelmäßig auf den Rücken sprang – der Hund ertrug es monatelang, bis er einmal knurrte. Danach wurde die Regel eingeführt, dass der Hund einen Rückzugsort hat, an dem er nie gestört wird. Das hätte von Anfang an so sein müssen.
Bullmastiff Temperament: ruhig, aber wachsam
Was mich an dieser Rasse am meisten überrascht hat, ist die Ruhe. Bullmastiffs bellen selten grundlos. Sie beobachten. Sie stehen auf, wenn jemand Fremdes auf das Grundstück kommt – nicht bellend, sondern einfach präsent. Diese Präsenz allein reicht bei einem Hund dieser Größe meistens aus.
Historisch wurde er genau dafür gezüchtet: als Wildhüterhund, der Wilderer stellte und niederhielt, ohne zu beißen. Das erklärt, warum die Rasse heute noch als wachsam, aber nicht aggressiv gilt. In Tierarztpraxen höre ich immer wieder denselben Satz: „Ein Bullmastiff ist der ruhigste Hund in meinem Wartezimmer."
Warum die Eigenständigkeit unterschätzt wird
Ein Punkt, der in Kurzbeschreibungen gern untergeht: Die Fähigkeit, allein zu bleiben, wird beim Bullmastiff als eher schwach ausgeprägt beschrieben. Wer Vollzeit arbeitet und den Hund acht Stunden allein lässt, wählt die falsche Rasse. Ich habe erlebt, wie ein Bullmastiff nach mehreren Stunden Alleinsein die Wohnungstür aus dem Rahmen gedrückt hat – nicht aus Aggression, sondern aus Verzweiflung.
Die Erziehbarkeit liegt im mittleren Bereich. Das heißt: Der Hund lernt, aber er diskutiert. Nicht stur, eher gemächlich. Belohnungsbasiertes Training funktioniert deutlich besser als Druck.
Bullmastiff Listenhund: Was gilt in Deutschland?
Hier wird es kompliziert, und ich rate jedem, sich vor dem Kauf beim zuständigen Ordnungsamt zu erkundigen. Der Bullmastiff wird in einigen Bundesländern als Listenhund geführt – in anderen nicht. Es gibt keine bundesweit einheitliche Regelung. Das bedeutet konkret:
- Leinen- und Maulkorbpflicht können je nach Wohnort gelten.
- Eine Sachkundeprüfung kann verlangt werden.
- In manchen Gemeinden ist die Haltung melde- oder genehmigungspflichtig.
- Ein Umzug über eine Landesgrenze kann die Rechtslage komplett ändern.
Kurz gesagt: Prüfen Sie das, bevor Sie einen Welpen reservieren – nicht danach. Ich habe mitbekommen, wie eine Familie ihren Bullmastiff wieder abgeben musste, weil sie den Umzug in ein anderes Bundesland nicht vorher geklärt hatte. Das war für alle Beteiligten eine Katastrophe.
Bullmastiff Welpen kaufen: worauf es wirklich ankommt
Bei einem Hund, der nach zwei Jahren fast 60 Kilo wiegt, ist die Herkunft kein Nebenthema. Ein seriöser Züchter lässt die Elterntiere auf Hüft- und Ellbogendysplasie untersuchen und zeigt Ihnen die Ergebnisse. Wer das nicht tut, verkauft Ihnen Überraschungen in Raten.
Ein Fehler, den ich selbst gemacht habe: Ich habe bei meinem ersten Molosser zu sehr auf das Aussehen geachtet. Der Welpe war der kräftigste im Wurf – und hatte später massive Gelenkprobleme. Heute würde ich immer nach den Gesundheitsnachweisen der Elternlinie fragen, bevor ich mir überhaupt Fotos ansehe.
Bullmastiff Qualzucht: ein ernstes Thema
Molosser werden seit Jahren auf immer größere Masse gezüchtet. Das ist ein Problem, das die Rasse selbst betrifft. Übertypisierte Bullmastiffs mit extrem kurzer Nase, übermäßig breitem Kopf oder instabilen Gelenken sind keine „schönen" Hunde – sie sind kranke Hunde.
Warnsignale, auf die Sie achten sollten:
- Offene Nüstern und freier Atem – kein Rasseln in Ruhe.
- Ein Hund, der sich bewegt, nicht schon mit acht Wochen schwerfällig wirkt.
- Elterntiere, die nicht im Käfig präsentiert werden, sondern im Haushalt leben.
- Ein Züchter, der Ihnen Fragen stellt – nicht nur welche beantwortet.
Wenn Sie sich unsicher sind, fragen Sie nach dem Rassehundezuchtverband und lassen Sie sich bestätigen, dass der Wurf dort eingetragen ist.
Bullmastiff Gewicht und Größe: die nackten Zahlen
Die Standardmaße sind eindeutig. Wer sich für die Rasse interessiert, sollte sich früh überlegen, ob die eigenen vier Wände und das eigene Auto dazu passen.
| Merkmal | Rüde | Hündin |
|---|---|---|
| Widerristhöhe | 64–69 cm | 61–66 cm |
| Gewicht | 50–59 kg | 41–50 kg |
| Fell | Kurz, dicht, glatt | |
| Farben | Rehfarben, Creme, Orange/Mahagoni, stets mit schwarzer Maske | |
| Lebenserwartung | 7–9 Jahre, gelegentlich bis 12 | |
Das Gewicht hat praktische Konsequenzen. Ein Bullmastiff passt nicht in einen Kleinwagen, das Treppensteigen im dritten Stock ist bei Gelenkproblemen ein echtes Thema, und die Futtermenge liegt deutlich über dem, was ein 20-Kilo-Hund frisst.
Was kostet ein Bullmastiff im Unterhalt?
Ein Welpe von einem verantwortungsvollen Züchter kostet je nach Verband und Linie mehrere Hundert bis über tausend Euro – die Spanne ist groß, und ich will hier keine Zahl in den Raum werfen, die ich nicht belegen kann. Was ich aus eigener Erfahrung sagen kann: Die laufenden Kosten für einen Hund dieser Größenklasse summieren sich schnell auf einen dreistelligen Monatsbetrag, wenn man Futter, Versicherung und Rücklagen für Tierarztkosten ehrlich zusammenrechnet.
Besonders die Rücklagen sind wichtig. Riesenrassen sind gesundheitlich nicht robust – das wird in Rassebeschreibungen mit einer niedrigen Bewertung angegeben. Magendrehung, Gelenkoperationen und Tumorbehandlungen kosten vierstellig.
Ist der Bullmastiff gefährlich?
Nein – jedenfalls nicht gefährlicher als jeder andere große Hund, der falsch gehalten wird. Die Tendenz zu beißen wird beim Bullmastiff als mittelmäßig ausgeprägt beschrieben. Er wurde nie für Hundekämpfe gezüchtet, sondern für die ruhige Kontrolle eines Menschen ohne Verletzung.
Trotzdem: Ein Hund mit 55 Kilo kann im Ernstfall mehr anrichten als ein Zwergpinscher. Das ist reine Physik. Aus dieser Physik folgt Verantwortung, keine Rassediskriminierung. Ich habe mehr Respekt vor einem souverän geführten Bullmastiff als vor jedem nervösen Schäferhund-Mix, der an der Leine ausrastet.
Braucht man einen Sachkundenachweis?
Je nach Bundesland kann ein solcher Nachweis verlangt werden – für Listenhunde oder für Hunde ab einer bestimmten Größe. Klären Sie das vor der Anschaffung mit Ihrer Kommune. Das ist keine Formalie, sondern der Unterschied zwischen legaler und illegaler Haltung.
Ein Hund für Menschen, die Ruhe suchen – und Verantwortung tragen
Der Bullmastiff ist ein Familienhund. Wirklich. Aber „Familienhund" heißt hier: ein Hund, der mit Ihnen lebt, nicht für Sie funktioniert. Er braucht feste Regeln, kurze Wege im Training, viel Geduld und einen Menschen, der sich der Kraft dieses Tieres bewusst ist.
Was mich bis heute beschäftigt: Diese Rasse verschwindet langsam aus den Haushalten. Nicht, weil sie schlecht ist, sondern weil sie unbequem ist. Zu groß, zu teuer, zu listenbelastet in manchen Regionen. Vielleicht ist das der eigentliche Punkt – der Bullmastiff ist nicht schwieriger geworden. Aber bequemer sind wir geworden.