Spandauer Forst: Berlins grüner Riese, den kaum jemand kennt
Kennen Sie das Gefühl, wenn man in Berlin jahrelang lebt und plötzlich entdeckt, dass es direkt vor der Haustür etwas gibt, das man komplett übersehen hat? Genau so ging es mir mit dem Spandauer Forst. Ich bin vor einigen Jahren aus beruflichen Gründen nach Spandau gezogen – und habe erst durch einen völlig verregneten Sonntagsspaziergang herausgefunden, dass ich praktisch an der Haustür eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Berlins wohne.
1347 Hektar. Das ist mehr als doppelt so groß wie der berühmte Grunewald und viermal so groß wie der Tiergarten. Trotzdem sprechen die meisten Berliner vom "Wald in Spandau" und meinen damit eigentlich eher den Tegeler Forst oder den Grunewald. Der Spandauer Forst bleibt seltsam unterbelichtet – und das, obwohl er mit seiner Mischung aus alten Eichenbeständen, Mooren und offenen Wiesen zu den abwechslungsreichsten Naherholungsgebieten der Hauptstadt gehört.
Ich habe mich in den letzten Monaten regelrecht durch den Forst gearbeitet. Jedes Wochenende ein anderer Zugang, eine andere Route. Und ja, ich habe dabei auch ein paar Fehler gemacht – zum Beispiel dachte ich anfangs, man könnte den gesamten Forst einfach so durchqueren. Falsch gedacht. Die Naturschutzgebiete haben klare Regeln, und die haben es in sich.
Was den Spandauer Forst wirklich besonders macht
Der Forst liegt im Nordwesten Berlins, direkt an der Grenze zu Falkensee und Schönwalde-Glien. Verwaltungstechnisch gehört er zum Ortsteil Hakenfelde, und genau das ist auch der Clou: Kaum ein anderes Berliner Waldgebiet liegt so nah an der Stadtgrenze und fühlt sich doch so ländlich an. Während man im Grunewald ständig das Gefühl hat, dass gleich eine Joggerin um die nächste Kurve kommt, ist man im Spandauer Forst oft wirklich allein. Ich bin an einem Wochentag im Mai fast zwei Stunden gelaufen, ohne einer einzigen anderen Person zu begegnen. Das gibt es in Berlin sonst kaum noch. Und dann ist da die landschaftliche Vielfalt. Der Forst ist kein monotoner Kiefernwald, wie man ihn aus Brandenburg kennt. Hier wechseln sich alte Eichen-Hainbuchenwälder, feuchte Erlenbrüche und offene Wiesenflächen ab. Dazu kommen mehrere kleine Seen und Teiche, die aus ehemaligen Torfstichen entstanden sind. Ein echtes Mosaik aus Lebensräumen.Die wichtigsten Fakten in Kürze
- Lage: Berlin-Spandau, Ortsteil Hakenfelde, direkt an der Grenze zu Brandenburg
- Fläche: ca. 1.340 Hektar – einer der größten zusammenhängenden Stadtwälder Deutschlands
- Schutzstatus: Landschaftsschutzgebiet, Teil des EU-Vogelschutzgebiets, drei Naturschutzgebiete eingebettet
- Besonderheiten: Wildgehege, Waldspielplatz, Tipidorf, Badestrand Bürgerablage
- Barrierefreiheit: Es gibt asphaltierte Wege, aber große Teile sind reine Naturwege – gute Schuhe sind Pflicht
Ein Wald mit Geschichte: Von der Stadtheide zum Erholungsgebiet
Der Spandauer Forst ist kein natürlicher Urwald – er ist über Jahrhunderte gewachsen und geformt worden. Ursprünglich war das Gebiet Teil der sogenannten Spandauer Stadtheide, die der Stadt Spandau als Gemeindebesitz diente. Die Bürger nutzten den Wald für die Schweinemast, als Brennholzlieferant und als Jagdgebiet. Das war kein romantisches Idyll, sondern harte Ökonomie. Interessant finde ich, wie sehr die Entwässerungsgräben die heutige Landschaft prägen. Wer durch den Forst läuft, stolpert ständig über kleine Kanäle und Gräben – etwa die Kuhlake oder den Kreuzgraben. Die wurden angelegt, um das Havelländische Luch, das große Niedermoorgebiet westlich von Spandau, trockenzulegen und landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Das hatte dramatische Folgen: Die Moore sackten ab, der Boden setzte sich. Erst in den letzten Jahrzehnten hat man begonnen, einige dieser Flächen wieder zu vernässen – mit sichtbarem Erfolg. Dort, wo früher entwässerte Wiesen lagen, haben sich wieder Schilfbestände und Moorflächen entwickelt. Und mit ihnen kamen seltene Vogelarten zurück.Die drei Naturschutzgebiete: Hier gilt strenges Recht
Das ist der Punkt, den viele Besucher unterschätzen. Der Spandauer Forst ist nicht einfach ein Wald mit einem Schutzstatus – in ihm liegen gleich drei Naturschutzgebiete, die strengen Regeln unterliegen. Ich habe am Anfang tatsächlich einmal versehentlich einen der markierten Wege verlassen und wurde von einem freundlichen, aber bestimmten Förster darauf hingewiesen, dass ich mich im Teufelsbruch befand – einem der sensibelsten Moore Berlins. Die drei Gebiete sind:- Teufelsbruch – ein Niedermoorgebiet mit alten Birken- und Erlenbeständen. Hier leben seltene Vogelarten wie der Kranich und der Schwarzspecht. Das Gebiet ist vollständig eingezäunt und darf nicht betreten werden.
- Großer und Kleiner Rohrpfuhl – zwei ehemalige Torfstiche, die sich zu wertvollen Feuchtbiotopen entwickelt haben. Auch hier gilt: Wege nicht verlassen.
- Das dritte Gebiet ist ebenfalls ein Moor- und Feuchtgebiet, das im östlichen Teil des Forstes liegt.
Was man im Spandauer Forst unternehmen kann
Der Forst ist kein Ort zum Durchrasen. Er ist ein Ort zum Laufen, Beobachten und Entschleunigen. Aber es gibt durchaus Unterschiede, je nachdem, was man sucht.Wandern und Spazierengehen: Meine drei Lieblingsrouten
Ich habe inzwischen ein Dutzend verschiedener Schleifen durch den Forst ausprobiert. Die besten Erfahrungen hatte ich mit diesen drei: 1. Die Runde um den Hoheheide-Teich und Moorteich (ca. 6,8 km) Diese Route ist perfekt für Einsteiger. Sie führt auf gut ausgebauten Wegen um zwei der schönsten Stillgewässer des Forstes. Man sieht hier fast immer Wasservögel, und im Sommer ist die Libellenpopulation beeindruckend. Die Wege sind überwiegend flach und auch für ältere Menschen gut machbar. 2. Der Natura-Trail (13,5 km, Variante Eiskeller 16,5 km) Der Natura-Trail ist die Königsdisziplin des Forstes. Er wurde vom NABU konzipiert und führt durch alle wichtigen Lebensräume – vom Eichenwald über die Moorgebiete bis zu den offenen Wiesen. Die längere Variante über den Eiskeller ist meine persönliche Empfehlung. Der Eiskeller ist ein historischer Eiskeller aus der Zeit, als man in Berlin noch Natureis für die Bierbrauereien gewann. Heute dient er als Wochenstube für Fledermäuse – ein faszinierender Ort. 3. Die Tour zum Wildgehege Für Familien mit Kindern ist diese Route ideal. Sie startet am Parkplatz und führt direkt durch das Wildgehege, wo man Damwild und Mufflons aus nächster Nähe beobachten kann. Die Tiere sind an Besucher gewöhnt, aber bitte nicht füttern – das schadet ihnen mehr, als es nutzt.Spielen und Entdecken: Der Wald als Abenteuerspielplatz
Der Spandauer Forst ist ein Paradies für Kinder – und zwar nicht so ein langweiliges "halt dich an Mamas Hand"-Paradies, sondern ein richtiges. Das Tipidorf ist ein nachgebautes Indianerdorf, in dem Kinder frei herumtoben können. Ein paar hundert Meter weiter lockt der Waldspielplatz mit Klettermöglichkeiten und Rutschen, die aus Naturmaterialien gebaut wurden. Und dann ist da noch der Baumlehrpfad, der an der Bürgerablage startet. Entlang des Pfades sind verschiedene Baumarten beschildert – von der heimischen Eiche bis zur seltenen Flatterulme. Ich gebe zu: Ich habe vor meinem ersten Besuch nicht gewusst, dass Flatterulmen in Berlin überhaupt vorkommen. Jetzt kann ich sie unterscheiden – zumindest meistens.Baden und Picknicken: Die Bürgerablage
Die Bürgerablage ist ein weiterer Geheimtipp, den selbst viele Spandauer nicht kennen. Der kleine Badestrand an der Havel ist offiziell zum Baden freigegeben – was im Stadtgebiet Berlins schon etwas Besonderes ist. Im Sommer ist es hier voll, aber nicht so voll wie an den bekannten Stränden im Grunewald oder in Müggelheim. Mein Tipp: Kommen Sie an Wochentagen oder am frühen Morgen, dann haben Sie die Havel fast für sich allein. Und vergessen Sie nicht Insektenschutz – die Mücken können im Sommer unangenehm werden.Welche Tiere leben im Spandauer Forst?
Moment, hier muss ich ein bisschen ausholen. Die Frage nach den Tieren ist nämlich gar nicht so einfach zu beantworten, wie man denkt. Die kurze Antwort lautet: Es kommt darauf an, wo man sucht. Im Wildgehege – das kein Zoo ist, sondern eine artgerechte Haltung mit viel Auslauf – leben Damwild und Mufflons. Die Tiere sind zutraulich und lassen sich gut beobachten. Das ist perfekt für Kinder, die zum ersten Mal Rehwild aus der Nähe sehen. Viel spannender ist aber die wilde Fauna des Forstes. Weil der Forst Teil des EU-Vogelschutzgebiets ist, haben Ornithologen hier schon über 100 verschiedene Brutvogelarten dokumentiert. Dazu gehören:- Kraniche, die in den Feuchtgebieten zwischen den Rohrpfuhlen brüten
- Schwarzspechte, deren Trommeln man im Frühjahr weithin hört
- Pirol, dessen flötenden Ruf man eher hört als sieht
- Nachtigallen in den dichten Gebüschen an den Wegrändern
Anreise und Parkmöglichkeiten: So kommen Sie hin
Die Anreise ist der wunde Punkt des Spandauer Forstes. Der öffentliche Nahverkehr ist – gelinde gesagt – ausbaufähig. Die nächste S-Bahn-Station ist Rathaus Spandau, aber von dort sind es noch gut 20 Minuten Fußweg bis zum Waldrand. Alternativ fährt der Bus bis zur Haltestelle Cautiusstraße, von der man direkt am Forst aussteigt. Mit dem Auto ist es einfacher, aber nicht unbedingt entspannter. Es gibt mehrere Parkplätze:- Parkplatz am Forsthaus – der größte und bekannteste, direkt am Zugang zu Wildgehege und Spielplatz
- Parkplatz Eiskeller – kleiner, oft voll, aber ideal für die Natura-Trail-Route
- Parkplatz Bürgerablage – direkt am Badestrand, im Sommer hoffnungslos überlaufen
Spandauer Forst Restaurant: Wo kann man einkehren?
Die Frage nach Restaurants ist berechtigt – wer den ganzen Tag durch den Wald läuft, bekommt irgendwann Hunger. Die gute Nachricht: Es gibt ein paar Optionen. Die ehrliche Nachricht: Man sollte keine Gourmet-Küche erwarten. Am Forsthaus selbst gibt es eine Gaststätte, die einfache deutsche Küche serviert – Schnitzel, Bratkartoffeln, Eintöpfe. Die Qualität ist solide, die Portionen sind großzügig, und die Preise sind erstaunlich moderat für Berliner Verhältnisse. Nach einem langen Waldspaziergang schmeckt ein Bier dort sowieso doppelt so gut. In der Nähe des S-Bahnhofs Rathaus Spandau gibt es außerdem die übliche Kette von Imbissen und Bäckern, die sich hervorragend für die Einkehr vor oder nach dem Waldbesuch eignen.Ist der Spandauer Forst gesperrt? Und wo bekomme ich eine Karte?
Immer wieder taucht die Frage auf, ob der Forst gesperrt ist. Die Antwort hängt stark von der Jahreszeit ab. Sturmschäden – nach starken Herbststürmen werden die Wege im Forst oft vorübergehend gesperrt, um Spaziergänger vor herabfallenden Ästen zu schützen. Die Stadt Berlin informiert auf ihrer Webseite, aber auch an den Zugängen finden Sie dann entsprechende Hinweisschilder. Jagdzeiten – wer den Forst im Herbst und Winter besucht, sollte auf die Jagdhinweise achten. In bestimmten Bereichen und Zeitfenstern finden Treibjagden statt. Diese Bereiche sind dann deutlich abgesperrt und sollten zwingend gemieden werden. Es geht nicht nur um Ihre Sicherheit, sondern auch um den Respekt vor Jägern und Wild. Kartenmaterial – eine gute und aktuelle Karte bekommen Sie übrigens im Forsthaus oder in der Tourist-Information in der Spandauer Altstadt. Die offiziellen Karten des Landes Berlin sind auch online verfügbar, aber ich rate zu der gedruckten Version: Der Handyempfang ist im Forst stellenweise dürftig, und die Beschilderung vor Ort ist nicht überall vorbildlich.Fotografie: Die schönsten Motive im Spandauer Forst
Als begeisterter Hobbyfotograf habe ich den Forst in allen Jahreszeiten erlebt – von klirrend kaltem Wintermorgen bis zu schwülen Sommerabenden. Die besten Fotomotive sind klar:- Der Eiskeller im Herbst, wenn das Laub sich golden färbt
- Die Rohrpfuhl-Teiche bei Nebel, wenn die Silhouetten der Bäume im Wasser spiegeln
- Die Wildwiesen im Frühsommer, wenn sie in voller Blüte stehen
- Die alten Eichen an der Grenze zu Falkensee – einige von ihnen sind über 300 Jahre alt